Montag, 23. September 2013

Von Schleusen, Scheiße und Schwärmen

Es ist alles nicht so einfach. Mit Mondrian in meinem Laptop lebt es sich irgendwie verquer. Mondrians Monitordesign (siehe 18.9.) ist eine starre Welt für sich, die keine Einmischung durch Tastatur oder Software duldet. Tapfer und bescheiden tippe ich im verbleibenden Drittel, was keinen Aufschub duldet.
Während ich gestern noch am Blog arbeitete (Achtung, jetzt wird's selbstreferenziell, das ist ganz ein schlimmes Zeichen für kreative Löcher), kamen Gerhard, Ella & Huug in meine "Amtsstunde". Im Anschluss blieben wir für Stunden im Café La Note sitzen. Es gibt ja eine ganze Welt rund um uns zu besprechen...

Am frühen Abend wurde es Zeit für die große Hafenrundfahrt ("Große Se(h)efahrt") der Bergedorfer Schifffahrtslinie. Bei italienischem Essen wurden wir in einem kleinen Schiff bis nach Hamburg geführt. Das dauert viele Stunden, ist sehr beschaulich und eine sehr feine Art, das Wesen der Stadt und ihrer Umgebung zu erfassen... Durch Schleusen und an Enten, Hausbooten, typischer Architektur vorbei führt die Route. Die City erlebt man dann schließlich schon bei Nacht... Das muss man einfach einmal gemacht haben!
Tipp: Unbedingt warme Jacke, Schal und ggf. Kopfbedeckung mitnehmen, damit man zumindest zeitweise auch bei Fahrtwind an Deck sitzen kann! Und: Zigaretterauchen geht am besten, wenn das Schiff vor einer Schleuse wartet.

IKEA für Depressive? Santiago Sierras Sofas sind (aus) Scheiße,
aber ich wollte mich eh nicht draufsetzen.
Auf Empfehlung meines Kollegen Michi hatte ich für heute 12 h eine Führung durch die Ausstellung von Santiago Sierra in der Sammlung Falckenberg gebucht. Wenn ich daran denke, dass ich sogar noch frühmorgens auf den Fischmarkt gehen wollte... mit Ach und Krach schafften wir's bis Harburg, um 5 Minuten vor 12 h irrten wir dort durch die Gegend, bis Gerhard einen Herrn hinter uns nach dem Weg fragte. Das war eine tolle Idee, weil sich der Herr nämlich als Dr. Johannes Lothar Schröder entpuppte, der ebenso wie wir Richtung Ausstellung unterwegs war. Johannes ist Kunsthistoriker mit Schwerpunkt Performance und schreibt und macht interessante Dinge (z.B. publiziert er auch einen Blog: http://owlperformanceart.eu).
Starke Begriffe zu visualisieren und zu dekonstruieren
mag ein alter Hut sein - uns hat's trotzdem gefallen.


90 Minuten lang durch eine Ausstellung geführt zu werden, fand ich sehr sinnvoll und mir war nicht eine Minute langweilig. Ich verstand die Beschreibungen und Querverweise der Dame, die uns führte, ganz gut - nachvollziehen konnte ich nicht alles. Einerseits fehlte mir doch hie und da das entsprechende Vorwissen, andererseits das Verständnis für Dinge wie Sofas aus menschlicher Scheiße (so eingetrocknet und alt sie sein mag).

Auch will ich mich nicht weiter mit dem Konzept befassen, eine Synagoge per Autoabgaseinleitung in eine Gaskammer zu verwandeln.
Johannes und ich vor der Dekonstruktion von Fleisch;
ganz nach dem Motto: "Kühlen Kopf bewahren!"
Mein Resumée: Herr Sierra war offenbar ein verwöhnter Junge, der - vermutlich eloquent, selbstbewusst (oder gar -überschätzend) und charismatisch - die internationale Kunstwelt mit ein paar zweifelsfrei Aufsehen erregend neuen und einem abgegriffenen Stapel nahezu etablierter Einfälle einzuwickeln wusste. So hat er sich wohl seinen Platz erkämpft. Weil er gerne trotzt und anecken will, startet er dann und wann seine persönliche "Salon-Revolte" (Zit. Johannes Schröder). Ist schon sehr schick, eine Gegenposition zur politisch korrekten Gutmenschen-Argumentation zu entwerfen, bloß bleibt er eine stichhaltige Begründung dafür schuldig. Bisschen billig gibt er's dann schon auch, da dürfen sich andere für einen Hungerlohn für seine Kunst abrackern, tatöwieren lassen oder sinnlos in einer Schachtel sitzen.
Meine Neuinterpretation (2009) von Man Rays "Obstruction":
die Blockade wird gelöst, ein Bild entsteht ("Dotschwarm")
Außerdem verwies die Dame noch auf unzählige Zitate aus der Kunstgeschichte. So kann man es auch sehen. Ich denke aber: Sind das Zitate oder kupfert er einfach ab? Oder prägen einfach die Dinge, die man erfahren und erlebt hat, das künstlerische Tun - teils unbewusst? Was mich auch interessiert: Warum macht jemand einen Unterschied zwischen seiner politischen Botschaft und seiner künstlerischen Form? Muss man das auf diese Art rechtfertigen: Reduziert (!!) ihn nicht auf die politische Botschaft, sondern anerkennt ihn auch als formal interessanten Künstler. - Wozu ist das bitte nötig? Hat ein Künstler erst eine Berechtigung, wenn er formalen Ansprüchen genügt? Wer behauptet das und welche formalen Ansprüche sollen das sein? Ich bin schon ein wenig ratlos aus der Ausstellung raus gegangen, muss ich zugeben. Aber ich bin ja auch keine Kunsttheoretikerin.
Zwar waren wir mit Johannes Schröder und der Dame, die uns führte, noch beim Türken auf ein kleines Mittagessen, aber ich wollte dann auch nicht auf diesen Themen herumreiten.
Noch dazu nahm uns Johannes in eine weitere Ausstellung, und zwar am Harburger Bahnhof, mit. Dort präsentiert der Kunstverein Harburger Bahnhof "move-align-avoid. Vom Schwarm als Prinzip und Phänomen" . Da sah man Mark Thompsons Video von 1976 ("Immersion"), in dem sich 40.000 Bienen auf dem Künstler niederlassen oder eine Installation aus Kleiderbügeln von Man Ray namens "Obstruction" (1920/1964), die ich 2009 einmal (unwissentlich) neu interpretiert habe. (In der Jugendherberge in Cork ging der Fernseher mangels Antenne nicht - und ich produzierte mit Kleiderbügeln den gewünschten "Dotschwarm") Ist doch lustig - und ganz ohne Kunstförderung!

Ratlos vorm Rathaus: an manchen Tagen wächst
einem einfach alles über den (oder aus dem?) Kopf
Nachdem wir den Schwärmen unsere Referenz erwiesen hatten, gingen Gerhard und ich noch spazieren in der City. Wir empfehlen für einen KAFFFE nahe der Speicherstadt das Café Minah, wo es 1a Käsekuchen, freundliche Bedienung und ein gepflegtes Klo (auch wichtig bei einem Stadtrundgang!) gibt.
Den Abend verbrachten wir bei und mit Bardo und Claudia, Lasagne und Weißwein. (Wer braucht dann schon einen "Tatort"?)
Für immer im Gedächtnis abgespeicherte Impressionen:
die wunderbare Speicherstadt

Kommentare:

Charlene Wolff hat gesagt…

Hallo, ich geistere als Textlbor-B-Königin durch Bergedorf und gehöre auch in den Blog. Wie kann ich Kontakt aufnehmen?
http://koenigin-charlene.de

Thomas Dahm hat gesagt…

Hallo Eva,
sehr schöne Sichtweise auf die Ausstellungen, könnte von mir sein.
Ich frage mich nur immer wieder: bin ich ein Kunstbanause?32Encomple

Eva Woska-Nimmervoll hat gesagt…

Hallo Thomas, ich glaube nicht, dass man ein Kunstbanause ist, nur weil man Kunst nicht immer uneingeschränkt toll findet. Wenn man auch begründen kann, warum man etwas nicht gut findet, kann man mit anderen darüber diskutieren bzw. es einfach stehen lassen... ist halt meine Meinung :-)