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Samstag, 28. September 2013

„Im Grunde haben wir zu wenig Zeit eingeplant, Elke!“

"Slam & Howie And The Reserve Men"
sind wohl auch keine typischen Schweizer...
Donnerstag ist Weggehtag in Bergedorf, da steppt überall der Bär! Im Happy Billard ist der Club am Donnerstag für gewöhnlich zu Gast, so auch diesmal. "Slam & Howie And The Reserve Men" aus der Schweiz rockten das Haus. Aufgrund des derzeit stattfindenden Reeperbahn Festivals waren etwas weniger Leute.
Thomas Dahm war auch da und Matthias' Freundeskreis, den ich mir sofort unter den Nagel reißen wollen würde, wäre ich hier zuhause. Soll noch einer sagen, die Norddeutschen hätten keinen Humor... irgendwie gehen mir diese Vorurteile und nationalitätsabhängigen Zuschreibungen schon total gegen den Strich!
Dank Ulli bin ich wieder sicher nach Hause gekommen, diesmal sogar mit Schlüssel. (Dass ich Chaotin meine Brille im Happy Billard vergessen hatte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt ja nicht.)

Hier noch zur Ergänzung eines der netten Schlossgespenster: Detlef Trute, der nicht nur Donnerstag und Freitag im Schloss herumspu... äh.. managt, sondern den theoretischen Hintergrund dafür den Rest der Woche studiert. Auch so ein vielbeschäftigter Mann - und trotzdem fand er Zeit für ein gemeinsames Foto.
Gestern war ich damit beschäftigt zu packen, eine größere Runde als sonst zu laufen und kam sehr spät erst ins Schloss. Zum Glück war Bardo da, denn das Fahrrad war ja eingesperrt... Ella wollte ein Foto von mir damit machen, aber bis es soweit war, saßen wir noch lange in der Kälte herum und hatten Spaß.
"FREIER GEIST" Oliver Hertel. Von der beschrifteten
Karton-Skulptur wusste ich vor meinem Besuch nichts.
Der Tag war fast schon um, bis ich mich endlich auf den Weg zu Oliver Hertel machte, der im Alten Bergedorfer Bahnhof sein Atelier hat. Der liebe Oliver hat was übrig für die Baumseelen. Auch er pflegt eine besondere Beziehung zu den Bäumen (so wie Jan) und richtet sich bei seinen Skulpturen nach dem, was ihm das Holz erzählt. Oliver trinkt gern japanische Tees und war auch viel im Ausland, stets arbeitend und sich inspirieren lassend.
Seine Homepage wurde leider gehackt und er hat kein Geld, sie reparieren zu lassen (vielleicht findet sich ja auf diesem Weg jemand, der das machen kann?). Olivers gesamtes Dasein findet derzeit im Atelier statt. Er ist jemand, der ganz und gar mit seiner Arbeit eins wird. Andere Menschen verstehen Leute wie Oliver oft nicht, was einem aber im Zustand des Flows völlig gleichgültig ist. Oliver braucht nämlich keine Gesellschaft, um glücklich zu sein. Er schöpft sein Lebensglück aus der Erfüllung der Aufgaben, die er sich selbst stellt. Oliver hat vor zwei Jahren eine Skulptur im Bergedorfer Schlosshof vergraben. Er würde gern wissen, inwieweit sich die Natur das Holz schon zurück geholt hat und überlegt, sie irgendwann wieder auszugraben und nachzusehen. Ich hoffe, ich werde dazu eingeladen.
„Im Grunde haben wir zu wenig Zeit eingeplant, Elke!“ - Dieses Zitat verdanke ich einer Besucherin, die gestern ihre Begleiterin ansprach. Irgendwie scheint es mir treffend, ich habe auch zuwenig Zeit eingeplant, obwohl ich vier Wochen hier war. Jetzt bin ich traurig, weil das mein letzter Abend im Schloss ist. Ich möchte hier bleiben und heimfahren gleichzeitig.






Samstag, 21. September 2013

Edel: Inas Torten, Thomas' Intarsien

Gerhards Blick der Verzückung, im Hintergrund
mein Fahrrad, wie immer irgendwie im Weg.
Das muss man gekostet haben: Eine Spezialität der Region, die Friesentorte :-) Im Café La Note im Schlosshof bäckt Ina täglich solch edlen Sünden.  Als ich ein Stück für Gerhard und mich bestellte, sagte sie voller Überzeugung: "Aber dann kommst du nachher und bestellst noch eines. Also nimm doch gleich zwei." Ein Stück pro Person war dann gerade genug für den Anfang.
Im Schloss war gestern wieder viel los. Und wir hatten andere Pläne, als uns durch Inas Torten zu kosten, auch wenn das ein sehr verlockendes Alternativprogramm für alles sein kann.
Wir fuhren mit dem 327er Bus Richtung Neuengamme, um den Intarsientischler Thomas Dahm zu besuchen. Zum Glück lernten wir im Bus noch eine nette Dame kennen, die zufällig ein paar Häuser weiter von ihm wohnte, so fanden wir gleich hin.


Thomas Dahm ist ein echter FEINGEIST. Als einer von wenigen ist er Tischler und Intarsientischler in einer Person. Und er widmet sich nicht nur dem traditionellen Handwerk der Vierländer Intarsien, sondern erweitert sein Spektrum durch den Bau und die Gestaltung von E-Gitarren und -Bässen.

Thomas mag nämlich gute Musik (darum war's auch kein Zufall, dass ich ihn beim Club am Donnerstag kennengelernt hab - noch dazu raucht er - so trifft man sich eben!). Und mit Holz kennt er sich aus. Derzeit arbeitet er an drei Gitarren, die er demnächst persönlich ausliefern wird. Aber nicht nach Allermöhe oder Wentorf, sondern gleich nach Nashville, Tennessee, USA. Dort wartet eine junge Band namens "The Delta Saints" schon sehnsüchtig auf die Geräte. Und weil ein sicherer Versand teuer ist, fliegt Thomas kurzerhand selbst hin. (Ich glaube ja auch, dass Thomas einfach dabei sein will, wenn die Musiker ihre/ seine Gitarren das erste Mal berühren... so wie ein Papa, der seine Töchter zum Traualtar führt, quasi).
Gerhard in inniger Umarmung mit RosaLee.

Thomas' eigene Gitarre heißt "RosaLee" und als ich sie sah, bekam ich eine Gänsehaut (und fühlte mich vielleicht ein bisschen so wie Rainhard Fendrich in seinem Song "Zweierbeziehung"), obwohl ich nicht so e-gitarrennarrisch bin wie Gerhard. Gerhard hat sie dann ehrfürchtig ausprobiert. Bei ihm wäreRosa Lee auch in guten Händen. (Unter Wasser, wie bei "Mermaid's Call" spielen die Lazy Diamonds nämlich für gewöhnlich nicht). Thomas meint aber, RosaLee sei eigentlich von ihrem Design her eigentlich eine Gitarre für Mädels. Einen warmen Klang hat sie und ist noch dazu sehr leicht. Thomas' Freude an seinem neuen Werkstück konnte ich auch noch einfangen...


Empfehlung fürs Abendessen (vielfältige Auswahl, aber etwas unkoordinierte Bedienung): Café Restaurant November, Bergedorfer Straße.

Freitag, 20. September 2013

Was ist los mit der Wetter Inge?

Es regnet und ist frisch. Vielleicht sollten wir mehr dem Wettergeist huldigen, das ist ein altes Weiberl namens Inge, nach der man hier in Bergedorf sogar eine Straße benannt hat. Ich stelle sie mir kräuterhexenartig vor, wie sie so in ihrem selbst produzierten Nebel hockt und es regnen lässt. Wahrscheinlich züchtet sie Nacktschnecken in der Größe von Wildschweinen, wer weiß?

Mein Besuch im Bille-Bad war doch eher nicht so toll. Das nächste Mal geh ich wieder zu Amira Haarewaschen. Angefangen hat es damit, dass ich in die falschen Umkleidekabine stolperte und zwar in die von Vereinen, Schulen und Gruppen. Hatte aber aus praktischen Gründen keine Brille auf und das Schild daher übersehen, was dann doch eher unpraktisch war. Als ich den Fehler bemerkte und meine Sachen holen wollte, erschreckte ich einen kleinen nackten Buben, der dann aber nach eigenen Angaben kein Problem damit hatte, allein mit einer fremden Frau in einem Raum zu sein. Ich fühlte mich unwohl bei dem Gedanken, jemand könnte mich für pervers halten, wie da so durch die Kindergarderobe schleiche.
Als ich dann schwimmen wollte, teilte mir ein ca. 13-jähriges Mädchen in autoritärem Tonfall mit, dass ich da nicht dürfe, denn hier würde trainiert. Der Rest des Beckens war bis auf ein kleines Eckchen dem Training und einer weiteren geschlossene Gruppe vorbehalten. Und im Freien war mir das Wasser zu kalt und die Luft oben drüber sowieso. Bin vom Thermalbad in Baden bei Wien verwöhnt. Extrem unpraktisch war dann das Haarewaschen in der Dusche in einem Stockwerk in Kombination mit Haarfön und Umkleidekabine im anderen. Wer hat sich das ausgedacht? Ich habe hier keine Badeschlapfen mit (wäre sich im Gepäck nicht mehr ausgegangen) und musste deshalb barfuß durch die relativ kühlen Gänge huschen, also alles total unangenehm.

Abends war ich mit Matthias und seinem lustigen Freundeskreis bei einem Konzert von Neil Taylor, einem angeblich superberühmten Sideman von noch berühmteren Superstars (Robbie Williams & Co). Das Konzert fand im Belami statt, wo, ebenso wie bei Club am Donnnerstag, auch rein zufällig Donnerstags Bands auftreten... Zu später Stunde kam mein Mann Gerhard vom Flughafen direkt ins Belami!

Hier rechts noch ein Bild von mir und der lieben Beate, die im Museum arbeitet und fallweise an der Kassa sitzt. (Wir haben's sehr lustig miteinander, besonders, wenn wir versuchen, ein Foto von uns zu machen.)

Mittwoch, 18. September 2013

Geist in der Maschine, Geist in der Mühle

Der Geist von Piet Mondrian
lebt und arbeitet in meinem Laptop.
Mit Schrecken stellte ich am Montag fest, dass der Laptop ein kreatives Eigenleben zu führen scheint: Er produziert jetzt grau-schwarze Balken, die einem Mondrian zur Ehre gereicht hätten. Nur mit einer punktgenauen Rückenmassage lässt er sich vorübergehend zu Dienst nach Vorschrift überreden!
Wer sponsert mir einen neuen?
War am Montag beim Computernotdienst in Bergedorf, doch der Computerdoktor weilt ohne Vertretung auf Urlaub. Seine netten Kollegen beruhigten mich mit der Aussicht auf eine kostspielige Reparatur, für die auch Teile umständlich zu bestellen wären - ich probiere es daher weiterhin mit Reflexzonenmassage, Voodoo und homöopathischen Klapsen - mit erstaunlichem Erfolg. Dass nun auch das Internet lahmt, macht die Schloss-Schreiberei noch einen Deut herausfordernder.

Statt zu jammern ging ich lieber feiern. Ella hatte Geburtstag und lud zu vegetarischer Pizza und gutem Wein. Mein Fahrrad durfte auch gleich dort übernachten, denn ihre Freundin Fee führte mich nach Hause. Ihr Navi scheint ebenso kreativ zu sein wie mein Laptop und hatte offensichtlich die Idee, eine Fahrtroute in Form eines Wollknäuels zu gestalten. Oder es suchte die Route nach anderen Parametern aus, die mir nicht nachvollziehbar waren (mögliche Varianten: Straßen dem Alphabet nach auszuwählen oder im Zweifelsfall immer die engere zuerst o.ä.) Als Ortsfremde wagte ich Fees Navi nicht zu widersprechen, obwohl ich ganz anders gefahren wäre. Heimgekommen bin ich jedenfalls. 

Der gestrige Tag begann also mit einem Fußmarsch zur Bergedorfer Mühle, wo ich mich spontan in eine Kindergruppe integrierte und deren Führung mitmachte. Bruno Kluß zeigte uns das Innere der Mühle und erklärte ihre Funktionsweise. 

Die Kinder durften auch selbst Mehl mahlen, ich hielt mich dezent im Hintergrund, um mich nicht zu blamieren und staubig zu machen. In Kindergruppen lassen sich generell drei Typen ausmachen:
a) Brave, die zuhören und mitgehen
b) Schlimme, die herumblödeln und stören
c) Interessierte und/ oder Ehrgeizige, die Fragen stellen, beantworten und die Vortragenden gegebenenfalls auch korrigieren. Ist sicher ein nettes Gefühl, sich als pensionierter Techniker vor einer ganzen Klasse samt knackigen jungen Lehrerinnen von einer 7-Jährigen "ausbessern" zu lassen und dann keine Zeit mehr bleibt, angemessen zu reagieren...

Ein Mädchen namens Amelia fing an, mit mir Konversation zu machen:
"Und welche Sprache sprichst du?" - "Äh, auch Deutsch, so wie du." Das ließ sie gelten, nachdem ich den Vergleich zwischen "ihrer" Sprache und Bayrisch gebracht hatte, das ja auch eine Art von Deutsch sei, wie ich behauptete. Ich erklärte dann Amelia, sie hieße wie eine berühmte Pilotin, das hatte ihr offenbar noch niemand gesagt, denn sie sah mich so an, wie man eben in diesem Alter oberlehrerinnenhafte fremde Tanten ansieht, die sich ungefragt in dein Leben einmischen. (So wie ich damals, als Heiligerdreikönig mit schwarzer Schminke angetan, die von uns besuchte alte Schauspielerin ansah, die mir einreden wollte, zum Abschminken müsse man Schweineschmalz verwenden. Ich hab das nie beherzigt, es mir aber bis heute gemerkt).
Kein Holzkopf: Der Mühlengeist

Als Amelia samt Klasse weg war, nahm mich Herr Kluß beiseite und sagte: "Sie sind doch auf der Suche nach Geistern? Wir haben auch einen hier." Das fand ich sehr spannend, denn von einem Geist in der Mühle hatte mir noch niemand erzählt. "Der war auch noch nie in der Zeitung!", wusste Herr Kluß.
Dann zeigte er mir den rätselhaft lächelnden Kopf eines Herrn, nicht sehr professionell aus einem Ziegelstein gehauen. Der Kopf war, so Herr Kluß, bei Bauarbeiten auf dem Gelände in den 1950er Jahren gefunden worden und ist seither, "Mühlengeist" genannt, das Maskottchen der Mühle. Sein Urheber ist unbekannt, Herr Kluß vermutet, es war einer der Müller, der sich bei Flaute eine Beschäftigung gesucht hatte.

Ich finde, der Mühlengeist hat etwas von Mona Lisa.

Besonders familiär gestaltete sich meine gestrige Lesung im Soltau-Zimmer: Ich kannte fast alle Anwesenden, nicht nur namentlich, sondern ich war auch schon bei der Hälfte der Leute zuhause. Aufregend war es trotzdem. Nach der Lesung war ich in Feierlaune: Ella, Huug, Matthias und ich gingen Biertrinken.

Freitag, 13. September 2013

Junge Stars und alte Sternkundler

Ludger ("Club am Donnerstag"-Organisator) und Matthias
repräsentieren die ehemalige Dorfjugend Bergedorfs.
Bergedorfs Live-Musikszene ist zumindest an einem Abend pro Woche sehr lebendig, und zwar am Donnerstag. Da finden gleich mehrere Konzerte an verschiedenen Locations statt und man könnte sich dreiteilen (dafür ist am Wochenende, wo ja angeblich "eh überall was los ist" kaum ein Event). Ich bin aber sehr leicht beeinflussbar und richte mich nach den Empfehlungen der vertrauenswürdigen Menschen in meinem Umfeld. Darum habe ich gestern den Gitarristen der Leningrad Cowboys mit seinem Solo-Programm versäumt (was nicht weiter schlimm ist, weil ich die Leningrad Cowboys schon mehrfach in Wien versäumt habe und darüber nicht sonderlich traurig bin). Dafür wurde ich von Matthias zum "Club am Donnerstag" mitgenommen, wo die Band Micky & the Motorcars auftrat. Sehr gute Stimmung, tolle Band, allerdings war das Durchschnittsalter des Publikums ungefähr bei dem der Eltern von Micky & the Motorcars angesiedelt. Da kommt man von den USA nach Hamburg und dann spielt man quasi bei einem Elternabend - ob das der Plan war?

Guter Geist II Uli und die Pianistin Heike
Ich hatte jedenfalls meinen Spaß, auch die Bierempfehlung (König Ludwig) meines Begleiters stellte sich als sehr gelungen heraus. Bisschen stark war das Bier, bisschen sehr stark. Beim Rauchen auf der als "Biergarten" bezeichneten Holzterrasse lernte ich wieder ein paar Leute aus der Region kennen. Da war ich aber schon nicht mehr frisch, eher schon BREGENKLÖTERIG (Dank an Frau Hülsmeyer, die mir dieses tolle Wort beigebracht hat), und konnte dieses Wort selbst schon fast nicht mehr aussprechen.
Zum Glück hat mich Uli (guter Geist II) wieder nach Hause gebracht (Das Fahrrad musste allein im Schloss übernachten).


Ohne Fahrrad war ich heute in der Früh also zu Fuß unterwegs. Das war auch ganz gut, nachdem ich ja noch etwas wackelig war nach der gestrigen Begegnung mit König Ludwig. Herr Kult erwartete mich bereits inmitten von Hochzeitsgästen (8 Paare waren es heute, dank des Datums, Freitag der 13.) und ich holte das Rad und wir radelten zur Sternwarte hinauf.






Herr Kult mit seinem Modell.
Ein zauberhafter Ort und sehr geschichtsträchtig. Die Sternwarte beherbergt das Original des legendären Schmidt-Spiegels und viele Dokumente und Aufnahmen von Sternen, Nebeln und allem anderen Gedöns, das im Weltall so herumfliegt. (Der letzte Satz beweist eindrucksvoll mein gigantisches astronomisches Insider-Wissen.) Ich war ja vorher noch nie in einer Sternwarte und war sehr beeindruckt von der Anlage und der Technik und der Akribie, mit der dort seit 100 Jahren geforscht wird.

Aber damit nicht genug: Dort steht auch ein 1:10 Modell des Hamburger Zeitballs, das Herr Kult in eineinhalb Jahren Arbeit detailgenau nachgebaut hat - ohne Bauplan des Originals! Und es funktioniert sogar! Ich habe endlich verstanden, wie Astronomie und Schifffahrt zusammenhängen und dass es in früherer Zeit eine große Herausforderung war, sich auf eine gemeinsame Uhrzeit zu einigen. (Bekanntlich gab es ja damals auch mehrere Zeitrechnungen mit Jahren (!) Unterschied)

Die größte Sensation meines Besuchs in der Sternwarte war aber zweifelsohne die Begegnung mit Lubos Kohoutek, der - mittlerweile 78-jährig - noch immer täglich in der Sternwarte forscht und dokumentiert. Seine Forschungsergebnisse teilt der gebürtige Tscheche mit Wissenschaftlern in aller Welt und publiziert, wie es sich gehört, auf Englisch. Wir hatten das Glück, ihn anzutreffen und die Ehre, von ihm persönlich durch das Gelände geführt zu werden. In seinem Büro entschuldigte sich der zuvorkommende Herr sogar höflich für das viele Papier, das sich dort stapelt!

Lubos Kohoutek - ein WACHER GEIST, eine lebende Forscherlegende und noch dazu ein sehr netter und bescheidener Mann. Nach ihm wurden mehrere Kometen, ein Asteroid und damit in der Folge diverse Songs (u.a. von Kraftwerk und R.E.M. - siehe unten) benannt - wer kann das schon von sich behaupten?

Donnerstag, 12. September 2013

Die Dame ist ja echt!

Heute war ich mit Dr. Annette Hülsmeyer von Krusenstern verabredet. Wir trafen uns vor dem Schloss und Herr Kult kam gerade vorbei (Der hat auch einiges vor mit mir in den nächsten Tagen). Frau Dr. Hülsmeyer hat ein tolles Projekt in Planung, bei dem der "stillen Helden" gedacht wird und zwar in Form eines "Namentuch-Denkmals". Dieses Projekt wird dank der Stiftung "Haus im Park" realisiert. Mehr Infos sollte man sich unbedingt hier ansehen: >>"Namentuch-Denkmal"



Das "Haus im Park" ist quasi eine Hochburg der GUTEN GEISTER. Also eine gemeinnützige Einrichtung, die von einem Mäzen, dem Unternehmer Herrn Körber in den 1970er Jahren realisiert wurde. Im Mittelpunkt stehen ältere Menschen und ihre Aktivitäten, zu denen sie im "Haus im Park" in vielerlei Hinsicht angeregt werden. Das Haus bietet dazu alle Möglichkeiten - von Werkstätten über Theater bis Konferenzräume und Café. Zudem werden dort die Stiftungsprojekte wie eben das Namentuch-Denkmal umgesetzt, besonders schön fand ich auch die N@tzengel (Computersekretäre für ältere Menschen) und KulturZEITpaten (Kulturbegleiter). Sehr inspirierend!
Die nette Line Kippes hat uns durch das ganze Haus geführt.
Im "Haus im Park": Fr Hülsmeyer. Fr. Kippes
Anschließend lud mich die liebe Frau Hülsmeyer auf ein indisches Mittagessen ein! Und dann ging es ab ins Schloss, um weiterzuarbeiten. Hier das Ergebnis:


(Ja, genau das passiert, wenn kein guter Geist Matthias weit und breit ist, um mich mit KAFFFE aufzurichten!) Immerhin konnte ich mich rechtzeitig wieder darappeln, als ein Berliner Besucherpaar ins Zimmer kam. "Die Dame ist ja echt!", frohlockte die Frau, und ich konnte nicht widersprechen. "Echt müde!", dachte ich nur...
(Meinen KAFFFE bekam ich dann auch! Danke an den guten Geist!)


Mittwoch, 11. September 2013

Teamgeister und Lebensgeister ahoi!

Gestern, Dienstag, wieder mal mit heraushängender Zunge bei einem Termin eingetroffen und zwar um 10 h bei den TEAMGEISTERN, sprich, bei Candy Rudolph, dem neuen Teamleiter von team.arbeit.hamburg. Betty Biester, eine Voluntärin, die mich für die Bergedorfer Zeitung zu begleiten hatte, war schon da. Zuerst gab's mal KAFFFE. Candy nahm sich viel Zeit für uns. Habe viel erfahren darüber, warum Teamgeist bei team.arbeit groß geschrieben wird :-) Das Interview muss ich auch noch lesefertig aufbereiten...
Habe beschlossen, nächste Woche meine Termine zu reduzieren, da ich ja auch Zeit zum Schreiben brauche. Natürlich interessiert mich alles wahnsinnig, aber schön langsam geht mir die Luft aus!

Betty Biester, Voluntärin der Bergedorfer Zeitung und ich
vor dem Gebäude der Arbeitsagentur 
Na, eitel darf man halt nicht sein an solch windverblasenen und regnerischen Tagen, da sieht man selbst aus wie ein zusammengeschnuddelter Regenschirm...
Nach unserem Termin hat Betty dann von mir Fotos gemacht. Haha, das ist Journalismus 2013: Also du fotografierst mich, während ich dich fotografiere, wie du mich fotografierst und dann fotografiere ich dich, wie du das Foto von mir, wie ich dich fotografiere, wie du mich fotografierst, online stellst.- Aber natürlich wird das alles nix, wenn es dauernd nur regnet, darum hat uns zuliebe die Sonne kurz hervorgeblinzelt. Die Geschichte erscheint übermorgen in der Bergedorfer Zeitung, daher halte ich mich noch mit den Schilderungen zurück, außerdem war ich zwar öffentlich, aber gleichzeitig in privatgeheimer Mission unterwegs und wurde natürlich dabei auch fotografiert. So geht's einem als öffentliche Figur: Die privaten Sachen dürfen ruhig öffentlich bekannt werden, solange sie privat geheim bleiben. -  Ja, fragt's mi ned, wie des geht, damit hab ich noch keine Übung. Jedenfalls waren Betty und ich ein super Team. Betty war sehr geduldig und sehr perfektionistisch, wie es sich für eine Journalistin gehört und hat sich für ein gutes Foto sogar auf die Straße geschmissen! Und ich hoffe für sie, dass sie dann doch noch ein Mittagessen bekommen hat, wo wir so lange unterwegs waren.
Im Schloss hab ich dann erfahren, dass Ella und Huug mich schon gesucht hatten. Die kamen aber kurz darauf glücklicherweise noch einmal vorbei. So präsentierte sich heute das kreativgeniale Duo, das den international renommierten Astro-Art-Literaturpreis samt Schloss-Schreiber-Stipendium entwickelt hat und nun die Schloss-Schreiberin betreut:


Wieder mal sei damit bewiesen: Kulturarbeit ist anstrengend (oder bin's ich?). Auf jeden Fall möchte ich hier den beiden große Hochachtung aussprechen; einerseits dafür, dass sie diese tollen Preise erfunden und realisiert haben und andererseits für die liebevolle Betreuung meiner Person. Noch dazu sind mir die beiden irgendwie schon sehr ans Herz gewachsen, ja, ich weiß, das klingt furchtbar pathetisch (erste Anzeichen des Stockholm-Syndroms?), aber so ist das. Und wenn wir gleich dabei sind, auch mein guter Geist Matthias ist mir ans Herz gewachsen. Alle Welt wird nun denken, der ist tatsächlich ein Geist, weil er gar nicht fotografisch hier vorkommt. (Es gibt aber noch viel mehr Menschen, die hier nicht abgebildet sind und die es tatsächlich gibt, ehrlich!) Kommt schon noch! Matthias hat uns heute wieder mit KAFFFE versorgt und irgendwelche Geräte an mir ausprobiert.
Also nicht irgendwelche.
So Dinger. Kamera und Ton, weil das für Zeitzeugenberichte benötigt wird. Da fällt mir ein, ich würde diese Zeitzeugenberichte irrsinnig gern sehen, weil ich endlich wissen will, wie man Zeit zeugt (ein bisschen mehr davon könnte nie schaden). Wie man sie vertreibt oder totschlägt, ist mir längst wohl bekannt... Nun gut...
Kleine Zwischenmeldung: Meine Wahlkarte ist angekommen. Ich hab Ella und Huug gebeten, irgendwo ein Kreuzerl zu machen, aber das war ihnen zu anstrengend.

Irgendwelches Gedöns auf dem Schreibtisch inkl. Wahlkartenchaos.

Um 17.30 h war es Zeit für meinen nächsten Geist. Seit Tagen versuchen wir, zusammen zu kommen und heute haben wir es endlich geschafft: Tina Kurr lud mich in ihr supergemütliches Gartenhäuschen direkt an der Bille ein. Tinas Lebensthema sind LEBENSGEISTER. Bei Kerze, Tee und Keksen erzählte sie mir, was es damit auf sich hat.
Tina Kurr (links) kennt sich mit Lebensgeistern aus.
Zwar hatte Tina eine Gitarre dabei, aber vor lauter Reden kamen wir gar nicht mehr zum Singen. Auch dieses Gespräch muss ich erst verarbeiten (also rein textlich - inhaltlich war alles sofort klar! :-)). Eines weiß ich jedoch: Die Tina ist eine ganz starke Frau mit einem großen Herz und die Begegnung mit ihr war eine Bereicherung für mich. Kleiner Tipp vorab für Einheimische: Von Tina kann man jede Menge lernen - über das Leben und über Schamanismus! Regenkapuze ab vor Tina!

Jetzt hab ich Hunger. Hab ich schon erzählt, dass ich zwei Kilo abnehmen will? - Oje, ich merke schon, jetzt wird's noch oberflächlicher als sonst....

Montag, 9. September 2013

Packend & fesselnd ...

Mein Abendessen gestern: Eine französische Zwiebelsuppe und ein Shiraz im Block House. Wobei der Shiraz (0,2) mit € 5,40 um ganze 50 Cent teurer war als die Zwiebelsuppe. Dafür war ich danach ordentlich von innen her aufgewärmt :-)
Falls es jemanden interessiert: Auch ohne TV konnte ich gestern "Tatort" schauen, via Live-Stream kein Problem, auch wenn es manchmal eckt und die Leute dadurch unfreiwillig rappen (als wären sie oder die Zuseherin auf Drogen). Meine Vermieterin hat mir ja gestanden, absichtlich keinen Fernseher in die Wohnung gestellt zu haben, "aus pädagogischen Gründen", wie sie augenzwinkernd meinte. Als hätte sie gewusst, wie gern ich daheim immer glotze... Ich werde mich hüten, hier einen Fernseher aufzustellen. "Es soll ja doch anders sein als im Alltag!" - Die liebe Frau H. hat's erfasst!

Redaktionssitzung bei der Bergedorfer Zeitung
Heute Morgen hab ich verschlafen. Ohne Frühstück bin ich durch den strömenden Regen zur Redaktion der Bergedorfer Zeitung geradelt. Völlig durchweicht bin ich angekommen. Durfte dann gleich der Redaktionssitzung beiwohnen (die lustigerweise nahezu zeitgleich mit der Sitzung in meiner Firma Egger & Lerch in Wien stattfand) und mich auch ein wenig einmischen. Werde mich hüten, Redaktionsinterna hier auszuplaudern, nur soviel: Die Herausforderungen sind da wie dort die gleichen :-)
Hält die Mannschaft am Laufen: XXXL-Thermoskanne
als zentrales Element der Redaktionssitzung

Auffällig ist, dass man hier respektvoller über die Abbildung von Menschen spricht: Das, was von manchen RedakteurInnen in Österreich abfällig als "Schädeln" bezeichnet wird, nennt man hier zärtlich "Nasen".

Gemeint sind da wie dort Menschen als Bildmotiv - ohne zu definieren, wer die betreffenden Personen sind (soll also niemanden beleidigen, sondern nur zur Unterscheidung von Dingen oder Landschaften dienen!) Vielleicht sind die österreichischen KollegInnen ja insgesamt einen Hauch misanthropischer.

Danach war ich in St. Pauli, um meinem nächsten Geist einen Besuch abzustatten und zwar Matthias Grimme, Eigentümer des Charon-Verlags und verantwortlicher Redakteur der hauseigenen Schlagzeilen, einem ausgewiesenen QUÄLGEIST. Bei einem KAFFFE erfuhr ich von dem freundlichen Herrn viel über seine verschiedenen Aktivitäten in der Szene. Ob "Shades of Grey" der SM-Szene mehr geschadet oder genutzt hat und warum Bondage mehr bedeutet, als der Freundin irgendwelche Schnüre umzubinden, hat er mir im Interview verraten (daran arbeite ich noch, bitte um Geduld!).
Ein kuscheliger Quälgeist: Matthias Grimme
weiß viele fesselnde Geschichten zu erzählen.

Sonntag, 8. September 2013

Klein(st)geister gesichtet!

Nach einer netten Laufrunde durch den Wald bin ich heute wieder ins Schloss geradelt, um mich auf die Suche nach den KLEINGEISTERN zu machen. Im Keller zwischen den Ritterrüstungen bin ich fündig geworden: Elf Kleingeister waren dort schon versammelt, um Ungeheuer zu finden. Unter der Anleitung von Jörg, einem Museumspädagogen, durften sie durch richtige Forschermikroskope schauen und die Kleinstgeister begutachten. Pantoffeltierchen, Urzeitkrebse, Hüpflinge (auch eine Krebsart, hab ich gelernt) sorgten für Verzückung. Nach den ersten Erklärungen ging es dann zum Wassergraben, um die Ungeheuer in freier Wildbahn einzufangen. Dazu bekamen die Kleingeister soetwas wie überdimensionale Trinkhalme, die sie zum Einsaugen der Tiere benutzen sollten. Ein paar Mädchen beschlossen allerdings, die langen Halme auch als Schwerter gegen mich zu verwenden. Später wurde mir auch ein selbstgemachter Regenschauer aus einer der Forscherspritzen angedroht, das Gelächter war groß, als ich protestierte - die Spritze war nämlich leer. Die Buben unter den Kleingeistern verschütteten schließlich das Wasser unter dem Mikroskop.
Jörg: "Kann man denn Jungs nie alleine lassen!"
Bub: "Aber du bist doch selbst eine Junge, kann man dich denn auch nicht alleine lassen?"
Jörgs Antwort tut hier nichts zur Sache :-)



Während die Kleingeister die Kleinstgeister aufspürten, fand im Schlosshof eine Kreuzfahrtsmesse statt. Kapitän über Bord? Jedenfalls blieb nur noch die Kappe übrig und Jesus muss sie halten.



Freitag, 6. September 2013

Hochzeit im Schloss

Der gestrige Tag verlief sehr gemütlich. In der Früh fand ich "Soltaus" Brief vor (siehe Foto), dann bekam ich an mich persönlich gerichtete Post (!!) ins Schloss (mehr darüber später) Im Schlosshof schmeckte Inas Sauerkirsch-Joghurt-Torte bei Sonnenschein doppelt so gut. Zu Mittag war ich mit meinem guten Geist Matthias und seinem Chef Deflef essen. Zurück im Arbeitszimmer machte ich Bekanntschaft mit Herrn Kult, der mir spezielle Führungen versprochen hat, in der Sternwarte und im Hafenmuseum. Toll! Ich werde berichten! Wollte mir dann - wegen der tollen Wetterprognose - einen Bikini kaufen, bei Karstadt leider ausverkauft, dafür kann man dort einen Mini gewinnen (also keinen Mini-Rock sondern ein Auto!). Einen Versuch ist es wert...
Beim Blumenkaufen lernte ich eine nette Verkäuferin kennen, die dank ihres Exmannes mehrfach in der Wachau auf Urlaub war und deren Kinder schon Niederösterreichisch können, weil sie dort so viel Zeit verbracht haben. Man bekommt den Eindruck, halb Bergedorf ist eigentlich irgendwie in Österreich verwurzelt. Abends stattete ich meiner lieben Vermieterin, Frau H., einen Kurzbesuch ab. Dabei traf ich auch ihre Katze Diva wieder, die ihrerseits mir dann einen Besuch abstattete. Allerdings war sie da weniger kuschelig, sie lief in mein Badezimmer und fauchte mich an, als ich sie ansprach - eine richtige Diva, eben.
Heute morgen war ich im schönen Wald direkt vor meiner Haustür laufen. Nachdem der Wald ja nicht besonders groß ist und von Wohngegenden einerseits und dem Flüsschen Bille andererseits begrenzt wird, ahnte ich nicht, dass es trotzdem möglich ist, sich dort zu verirren (man kann ja auch sinnlos im Kreis laufen so wie ich).
Letzten Montag hatte ich das Vergnügen, vor dem Schloss Florian und Menno kennenzulernen, die gerade polterten. Spontan luden mich die beiden POLTERGEISTER zu ihrer Hochzeit ein. Und da bin ich jetzt gerade. Bei wunderschönem Wetter wird im Schlosshof gefeiert, mittlerweile kenne ich Mennos gesamte Familie und auch den jüngsten Gast der Hochzeitsfeier, Hund Frida, erst wenige Wochen alt. Als Schlossschreiberin sah ich es als meine Aufgabe an, dem Brautpa..äh.. Bräutigampaar ein persönliches Gedicht aus eigener Feder zu verehren.



Was für ein liebes Paar! Wenn sie nach Österreich kommen, muss ich ihnen unbedingt die Wiener Kaffeehäuser zeigen (diesmal wirklich Kaffee und nicht KAFFFE!)
So, und jetzt war Bardo da und hat mir eine Einladung zu seinem Oktoberfest gebracht. Alle Schlossgeister sind eingeladen - und ich auch! Super!
Nachtrag: ein lustiger Dialog zwischen mir und einem Bräutigam:
Ich: "Ach, ich bin schon elf Jahre verheiratet und noch immer glücklich."
Menno: "Ich bin auch noch immer glücklich. Die halbe Stunde war ganz in Ordnung."

Dienstag, 3. September 2013

angekommen... und schon einiges erlebt ....

30. August 2013
Die Fahrt mit dem Liegewagen von Wien Westbahnhof nach Hamburg war sehr lustig. Schon in Wien lernte ich Michaela aus Wien Donaustadt kennen. Sie wollte nicht oben liegen, da sie Angst hatte, abzustürzen oder durchzubrechen. Ein gutes Motiv für einen Tausch, auch im Sinne dessen, der das Bett unten belegt hätte. Da ich aber ja ohnehin oben lag, machte es keinen Sinn, ihr einen Tausch anzubieten. Bis St. Pölten unterhielten wir uns so gut, dass die beiden neu hinzugekommenen Fahrgäste, Dani und Lukas, glaubten, wir reisten miteinander. Dani und Lukas sind aus der Nähe von Retz, von wo aus sie die Welt erkunden. Diesmal stehen drei Tage in Hamburg und drei weitere in Berlin auf dem Plan. Michaela hat ihr Auto mit, da sie von Hamburg aus noch ans Meer fährt, sie sammelt dort Treibholz, das sie für ihre Mobile und andere kunsthandwerkliche Objekte braucht. Michaela ist auch so ein Phänomen an Vielseitigkeit: Sie hat eigentlich ein Wirtschaftstudium absolviert, arbeitet bei einem Telekommunikationsunternehmen im Marketing und studiert jetzt so nebenbei Elektrotechnik oder so etwas in der Art. Und hat sich selbständig gemacht mit ihrem Kunsthandwerk. Dass sie drei Chinchillas (ich dachte im ersten Moment, eine Affenart, aber ich kenn mich da nicht so aus) hat, hab ich mir nicht so viel gemerkt, weil ich seither so viele Leute kennen gelernt habe, die alle so bunte Lebensläufe und so schräge Interessen haben. Dani, Lukas und Michaela sind schon arm: Sie müssen sich irgendwo zwischen Salzburg und München meine Geschichte „Tante Mitzi“ anhören, weil sie schicksalshafter Weise mit mir in einem Zugabteil sitzen und das bis Hamburg Hauptbahnhof. Ich erkläre meine Situation (bevorstehende Lesung, Schlossschreiberin, Nervosität, keine Zeit gehabt, den Text zu üben, blabla) und bitte sie um eine ehrliche Meinung. Wir kennen uns ja nicht und sehen uns vermutlich nie wieder, darum sollen sie ohne Umschweife sagen, was sie denken.
Das Absurde daran: Es wäre wichtiger, zu Menschen ehrlich zu sein, die man kennt und immer wieder sieht; daran hindert uns oft die Angst, diese Menschen zu vergraulen.

Ich beginne: „Tante Mitzi“.
Michala bekommt einen Lachkrampf.
Ich finde auch, dass meine Geschichte humoristische Elemente hat, aber den Titel fand ich noch relativ neutral.
Lukas fängt jetzt auch an zu lachen. Allerdings, so ahne ich, lacht er wegen Michaelas Lachkrampf. Ok, also noch einmal: „Tante Mitzi.“
Keine Chance, Michala und Lukas lachen weiter.
Auch eine Methode, Vortragende zum Schweigen zu bringen. „Was ist daran denn so lustig?“, unterbreche ich. Michaela meint, sie hätte nach meinen Erklärungen hinsichtlich meiner literarischen Erfolge und Bemühungen alles andere erwartet als einen Titel wie ‚Tante Mitzi’. Und Lukas sagt: „Eine Tante Mitzi hat doch jeder!“
Ja – EH!
Letztlich sehe ich das ganze als Prüfung. Ich muss einfach weiterlesen. Es kann jederzeit passieren, dass im Publikum jemand deppert lacht – aus welchen Gründen auch immer. Da muss man drüberstehen.
Michaela, Lukas und Dani sagen, sie mögen die Geschichte.

31. August 2013
Es ist Samstag Früh und Hamburg Hauptbahnhof wurlt. Ich hab ja, bitte schön, einen guten Grund für das frühe Herumgewusel. Aber wo wollen die anderen alle hin? Wo kommen die alle her? Der frühe Geist hat einen Vogel. Die S21 fährt nach Bergedorf. Unterwegs ein Ortsnamengedicht, das einem Ernst Jandl alle Ehre machen würde:
Tiefstack, Billwerder-Moorfleet, Mittlerer Landweg, Allermöhe, Nettelnburg.
Er würde sie anders anordnen, vielleicht so:

Tief stack Bill Werder, Moor fleet mittlerer.
Land weg? - Aller Möhe!
Netteln, Burg,
Berge Dorf.


Mein Favorit ist Billwerder-Moorfleet. Ich habe keine Ahnung, was das heißt. Und ich weiß nicht, ob ich mich jemals dort hintraue. Ella holt mich vom Bahnhof ab. Weder haben wir Schildchen noch sehe ich aus wie auf den Fotos, die ich geschickt hab, trotzdem erkennt sie mich sofort. Das an sich sehr hübsche Bergedorf sieht ein wenig traurig aus an diesem Samstag Morgen; es steht noch unter der Dusche und hat vergessen, warum es überhaupt aufgestanden ist. Wir gehen einen Kaffee (Kafffe) trinken und haben Wichtiges zu besprechen. Ella hatte in ihrem Mail das Wort „Gedöns“ verwendet und ich gestehe ihr, dass ich es googlen musste, um den Sinn zu erfassen. Die Aussprache muss ich üben, man spricht es nämlich so aus, als wäre da ein stummes h nach dem ö, also Gedööööööns. Es bedeutet „Zeug“. Warum, liebe Ella, sagt ihr dann nicht „Zeug“? Gedöns ist umfassender, stellt sich heraus, es ist gewiss auch nicht dasselbe wie Nippes (wie wir abends dann beschließen), denn Nippes ist klein und unnötig und steht auf dem Kaminsims, während Gedöns möglicherweise doch noch irgendeine Art von sinnvollen Elementen enthält. Es klingt jedenfalls toll, Gedööööns zu sagen. Ich habe vor, dieses Wort nie wieder zu vergessen und bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit anzuwenden.
Huug kommt später und ist fröhlich und munter. Kein Wunder, hat er doch geschätzte drei Stunden länger als Ella geschlafen. Ich freue mich, dass bis dato wildfremde Menschen mir so einen herzlichen Empfang bereiten. Am liebsten würde ich ihnen eine große Mütze Schlaf schenken (also je eine für Ella und Huug), die sie bei Bedarf konsumieren können.

Toll auch der Empfang in der Radstation am Bahnhof. So nett! Ich bekomme ein cooles Fahrrad mit Tasche gesponsert und sogar der Sattel wird mir noch extra eingestellt. Leider hab ich im Kaffeehaus schon am Klo geschwankt – eine Folge der nächtlichen Zugfahrt! – und schwanke jetzt bei der Probefahrt am Fahrrad. Da ich mit Sack und Pack Richtung Quartier muss, wird das Fahrrad vorläufig geschoben. Ella und Huug bringen mich in das große Haus einer besonders gastfreundlichen Dame (die namentlich nicht erwähnt werden will. Eine echte Mäzenin! Ich dachte, die seien längst ausgestorben). Die Gegend erinnert mich an meine Heimatstadt Baden, an die reichen Straßenzüge voller alter und neureicher Villen und dazwischen Seniorenresidenzen, die die älteren Herrschaften auffangen. Ein Wohnviertel mit viel Grün, leicht hügelig und in seiner Ruhe mancheinen schon auf Friedhöfe einstimmend. Ich habe eine ganze helle Wohnung samt Terrasse für mich allein und einen Ausblick auf einen parkähnlichen Garten am Waldesrand. Meine Gastgeberin hat mir sogar Gladiolen in eine Vase gestellt und Obst dekorativ auf dem Couchtisch angeordnet. Traumhaft! Aber: es gibt keinen Fernseher, kein Internet und der Weg nach Bergedorf verläuft holprig durch den unbeleuchteten Wald. Ja, ich bin eine erwachsene Frau, Ella, ich weiß, aber ob ich länger als bis 19 h fort gehen werde, weiß ich noch nicht! Muss ich mich eben ein wenig umgewöhnen. Und werde vielleicht sogar früher schlafen gehen. Ich habe ja hier eine Mission zu erfüllen und nicht die Nächte durchzutanzen oder um Mitternacht fernzusehen.
Das Wetter ist etwas durchwachsen, ich werde pitschnass auf meiner ersten Radausfahrt zum Lidl. Am Heimweg verfahre ich mich kurz, zum Glück hab ich keine Eile.
Meine Gastgeberin nimmt mich mit dem Auto zum Schloss Bergedorf mit. Hier versammeln sich schon Literaturinteressierte und PreisträgerInnen im zauberhaften Schlosshof. Carsten Neff fotografiert mich vor dem Schloss, in dem ich die nächsten Wochen arbeiten werde. Aber jetzt wird erstmal vorgelesen! Ella und Huug sind ein lustiges Moderatorenpaar, es macht Spaß, ihnen zuzuhören. Nach der Reihe nehmen wir auf der Bühne Platz und lesen unsere Geschichten vor: Platz 5 ist Tobias Lagemann , Platz 4 Gunter Gerlach, Platz 3 bin ich, Platz 2 Nadja Kurz und Platz 1 Mercedes Spannagel. Ich finde alle Kurzgeschichten auf ihre Art interessant.. Texte von ihren AutorInnen vorgelesen zu bekommen, ist sowieso ein Erlebnis für sich.(Dieses Foto von mir hat Carsten Neff gemacht... ich kann jetzt nicht fragen, ob ich es nehmen darf, werde das OK aber noch einholen!)
Ich bin so glücklich, dass ich gleich mit allen per Du sein will: Mit Ulf-Peter Bosse von der Bergedorfer Zeitung, mit Dr. Schanett Riller, der Direktorin des Museums im Schloss und Matthias Schöttke, dem „Guten Geist“ des Schlosses Bergedorf. Und auch mit Heidi Melis von der Hamburger Volksbank - wie schön, dass es sie alle gibt und dass sie mir diesen Aufenthalt ermöglichen. Ein großes Dankeschön auch an den Bezirk Bergedorf und Bezirksamtsleiter Arne Dornquast. Nach der Lesung haben alle Hunger und eine große Runde marschiert noch ins Blockhouse.
Mercedes und Nadja sind kamerascheu.
Was bei uns ein Fluchtachterl heißt, nennt man hier „Absacker“ oder so ähnlich. Egal, zu viert konsumieren wir (Ella, Huug, Ulf und ich) es in Form eines kleinen Biers in einem anderen Lokal. Frage mich gerade, ob allen das so recht ist, wenn ich hier so Auskunft gebe, wer wo in Bergedorf mit wem welches Bier zwitschert. Aber von der authentischen Blog-Idee schienen sie extrem begeistert, also jetzt haben sie ihre Authentizität :-)

1. September 2013
Sonntag ist heute. Mercedes und ich wollen gemeinsam nach Hamburg in die City fahren. Aber ohne konkreten Plan, einfach so. Anfangs verfahre ich mich wieder einmal in Bergedorf. Mercedes wohnt im Hotel Kuhberg, das angeblich jeder kennt. Die erste, die ich frage, ist nicht von hier, die zweite und der dritte haben noch nie von dem Hotel gehört. Versehentlich stolpere ich ins Hotel Sachsentor, dort erklärt mir ein netter Rezeptionist den Weg („beim Karstadt rechts vorbei“), aber irgendwie bleibt das Hotel für mich nicht sichtbar. Erst als Mercedes schon fast mitten auf der Straße nach mir winkt, sehe ich auch das Hotel… Mercedes und ich nehmen uns ein Ticket und fahren in die City. Zwischen Sonne und Regen und ständigem Jacke Auf- und Zumachen sehen wir viel von Hamburg.
Stundenlang wandern wir durch die Straßen, sehen die Reeperbahn, die Elbphilharmonie, die Bürohäuser von „Spiegel“, „ZDF“ und „Gruner & Jahr“ (Übrigens: „Gala“ ist übersiedelt!), an der Alster wird gefeiert und schon am Nachmittag gesoffen…

Schließlich finden wir auch das HEILIGENGEISTFELD, meine erste Geisterinspiration. Es ist ein grau betonierter Platz vor dem Millerntor-Stadion.
Eher nicht so einladend, das Heiligengeistfeld
Hier stehen vereinzelt Wohnmobile. Dem muss ich nachgehen. Es erschließt sich uns nicht, warum hier die Wohnwägen da so stehen, als wäre es ein herunter gekommener urbaner Campingplatz. Und warum heißt der Platz „Heiligengeistfeld“? Ich beobachte die Tauben.
Keine weiße Taube weit und breit am Heiligengeistfeld
Keine einzige ist weiß. Es sieht weder aus wie ein Friedhof noch ist irgendwo eine Kirche. Recherchieren ist angesagt >> Am Rand des Platzes steht ein großer grauer Klotz, ein Bunker, ähnlich unseren Flaktürmen in Wien. Dieser hier beherbergt heute Firmen und Organisationen rund ums Musikbusiness (ähnlich dem Wiener Gasometer).

2. September 2013
Die liebe Vermieterin hat mir in der Früh ein Frühstück vor die Tür gestellt, schnell angeläutet und war schon weg, wie ich aufgemacht hab. Das ist so was von lieb! Weil es heute soviel geregnet hat, bin ich Vormittags gleich gar nicht aus dem Haus gegangen. Weder war ich laufen, noch war ich einkaufen. Langweilig wird mir nicht, ich lese oder tippe am Computer. Erst am frühen Nachmittag bin ich durch den Regen in die Stadt geradelt und hab in einem netten neuen Pasta-Lokal gegessen. Eigentlich sehr romantisch, in den Regen rauszuschauen und dabei an Suzanne Vegas „Tom’s Dinner“ zu denken. Das Lokal kann ich übrigens stark empfehlen, man macht dort Pasta selbst und ein großer Teller hausgemachter Nudeln und Soße nach Wahl ist schon um 5,50 zu haben.
Um 15 h war ich pünktlich im Schloss. Matthias, mein guter Geist, hat mir aufgemacht und gemeinsam haben wir uns überlegt, wie mein Arbeitszimmer im Museum aussehen könnte. So einfach ist das alles nicht, denn ich hab Ansprüche wie eine Schlossherrin (und nicht wie eine Schlossschreiberin): Internet, Lichtverhältnisse, den Stuhl in richtiger Höhe und bitteschön ein Sofa im Nebenzimmer, um Gäste zu empfangen. Der große Sekretär, der extra für mich in das Soltau-Zimmer gestellt worden ist, hat mich sehr erheitert. Da throne ich ab nun, zwar nicht mit Feder und Tintenfass, aber mit meinem Laptop und werde sogar Amtsstunden einführen… Kaffee bei Ina im Café la note im Hof. Sie erzählt mir, dass die gesamte Inneneinrichtung von einem alten Kaffeehaus aus der Stadt stammt, das abgerissen wurde. Sie ist sehr glücklich, im Schloss das Lokal führen zu können. Auch Hochzeitsfeiern werden hier ausgerichtet.
Besuch: Ella und wenig später Schanett kommen, um zu sehen, wie es mir geht. Das freut mich und gleich wird geplaudert (für die norddeutschen LeserInnen: geklöööönt). Ich habe völlig vergessen, dass es schon spät ist. Ich muss noch einkaufen gehen…. Es ist schon 20 h vorbei, als ich heimradle. Probiere trotzdem einen alternativen Weg aus, den Matthias mir rausgesucht hat, bei dem ich nicht soviel durch den Wald und auch nicht so steil bergauf fahren muss. Es ist finster, es regnet und ich seh gar nichts, aber irgendwie schaff ich’s doch nach Hause. Das Waldstück war tatsächlich relativ kurz. Leider weiß ich nicht, ob das jetzt genau der Weg war, den wir uns im Internet angeschaut haben.